Virtueller Dualismus: Körper und digitale Identität

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Trennung von Körper und Geist

Eine interdisziplinäre Betrachtung im Spiegel von Philosophie, Theologie und Wissenschaft

Die Frage, ob Körper und Geist zwei voneinander getrennte Entitäten, also eigenständige und in sich abgeschlossene Einheiten, sind oder eine untrennbare Einheit bilden, begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Sie berührt grundlegende Aspekte unseres Selbstverständnisses, angefangen bei der Definition des Bewusstseins, verstanden als subjektives Erleben der eigenen Existenz, über die Frage nach der Identität, also dem Selbstverständnis und der Einzigartigkeit einer Person, bis hin zur moralischen Verantwortung. Im Verlauf der Geschichte wurde diese Fragestellung aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet: philosophisch, theologisch, medizinisch und in jüngerer Zeit zunehmend auch technologisch.

Im 21. Jahrhundert erhält die Debatte eine neue Aktualität, da Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz, in der virtuellen Realität und in der erweiterten Realität die Grenzen zwischen dem physischen Körper und seiner digitalen Repräsentation verschwimmen lassen. Technologien wie Avatare, digitale Stellvertreter einer Person, Brain-Computer-Interfaces, also Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer, sowie immersive virtuelle Welten führen zu Szenarien, in denen die klassische Vorstellung einer klaren Trennung zwischen körperlicher Existenz und geistigem Erleben neu bewertet werden muss.


Historische Grundlagen – Philosophie der Antike

Bereits in der Antike standen sich zwei einflussreiche philosophische Positionen gegenüber. Platon vertrat in seinem Werk Phaidon die Auffassung, dass der Körper eine vergängliche Hülle sei, die die unsterbliche Seele, das immaterielle und geistige Prinzip, nur vorübergehend beherberge. Erkenntnis könne, so seine Überzeugung, nur im Zustand der Trennung, also nach dem Tod, erlangt werden (Platon, 1990, S. 57–59). Aristoteles widersprach dieser Sichtweise in De Anima und lehnte einen strikten Dualismus, also die Lehre von der Trennung zweier Prinzipien, ab. In seiner hylomorphen Lehre, die Materie und Form als untrennbare Einheit versteht, beschrieb er die Seele als die Form des Körpers, die das Lebewesen zu dem macht, was es ist (Aristoteles, 1987, S. 112–115).

Theologische Perspektiven – Synthese im Mittelalter

Im Mittelalter suchten christliche Theologen nach einer Verbindung dieser beiden Positionen. Thomas von Aquin integrierte in der Summa Theologica die aristotelische Lehre in die christliche Theologie und beschrieb die Seele als immateriell und unsterblich, jedoch für ihre Wirksamkeit auf den Körper angewiesen. Damit verband er metaphysische und physische Perspektiven zu einem kohärenten Menschenbild (Aquinas, 1947, S. 212–215).

Neuzeitlicher Dualismus – René Descartes und der „Weltknoten“

Im 17. Jahrhundert griff René Descartes den Dualismus in einer radikal neuen Form auf. In seinen Meditationen über die Erste Philosophie unterschied er klar zwischen der res cogitans, dem „denkenden Ding“ und damit dem Geist, und der res extensa, dem „ausgedehnten Ding“ und damit der materiellen Welt (Descartes, 1996, S. 89–91). Um zu erklären, wie beide miteinander interagieren, verortete er die Schnittstelle im sogenannten Weltknoten, der Zirbeldrüse, einer kleinen Drüse im Zwischenhirn, die heute vor allem für ihre Funktion in der Hormonproduktion bekannt ist. Auch wenn diese Annahme aus medizinischer Sicht nicht mehr haltbar ist, prägte sie das philosophische Denken nachhaltig.

Wissenschaftliche Ansätze des 19. Jahrhunderts

Mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert verschob sich die Diskussion zunehmend in den Bereich empirischer Forschung. Franz Joseph Gall entwickelte die Phrenologie, eine Schädellehre, die versuchte, geistige Eigenschaften anhand der Schädelform zu bestimmen (Gall, 1825, S. 14–18). Robert Bartholow führte 1874 Versuche mit Elektrodenstimulation am menschlichen Gehirn durch, um Reaktionen bestimmter Hirnregionen zu untersuchen (Bartholow, 1874, S. 305–307). Gustav Theodor Fechner formulierte mit dem Weber-Fechner-Gesetz schließlich eine messbare Beziehung zwischen Reizintensität und subjektiver Wahrnehmung, womit erstmals eine mathematische Verbindung zwischen physischem Stimulus und geistigem Erleben beschrieben wurde (Fechner, 1860, S. 45–49).

Moderne Perspektiven – Virtueller Dualismus und digitale Identität

In der Gegenwart wird die Körper-Geist-Debatte durch die Entwicklung digitaler Technologien erneut befeuert. Brain-Computer-Interfaces ermöglichen eine direkte Kommunikation zwischen neuronaler Aktivität und Maschinen (Nicolelis, 2011, S. 102–108). Virtuelle Realitäten schaffen Erlebnisse, bei denen die physische Präsenz in den Hintergrund tritt und die digitale Identität zunehmend als gleichwertiger Bestandteil des Selbst wahrgenommen wird. Dieser Zustand wird als virtueller Dualismus bezeichnet, also als parallele Existenz in physischer und digitaler Sphäre, die das Verständnis von Identität, Bewusstsein und Verantwortung tiefgreifend verändert.

Ausblick – Die Hypothesen der Blogserie:

Aus diesen Überlegungen ergeben sich zwei zentrale Hypothesen, die in den kommenden Beiträgen dieser Blogserie untersucht werden. Die erste Hypothese besagt, dass die Integration von digitaler, virtueller und erweiterter Realität zu einer dualen Existenz des Menschen führen könnte, in der physischer Körper und digitale Identität parallel interagieren. Daraus folgt die präzisierte Annahme, dass die digitale Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung zu einer psychisch-dualen Existenz führt, in der reale und virtuelle Erfahrungen gleichermaßen in das Selbstbild integriert werden. Die zweite Hypothese geht davon aus, dass die vollständige Immersion in virtuelle Umgebungen kognitive Prozesse, die Selbstwahrnehmung und die persönliche Identität verändern oder sogar neu konstruieren kann. Wird die Selbstwahrnehmung durch das denkende Ich beeinflusst, so ergibt sich, dass die virtuelle Realität eine Veränderung der Selbstwahrnehmung durch die Beeinflussung des eigenen Geistes hervorruft.

Die folgenden Artikel dieser Serie werden diese Hypothesen kritisch beleuchten, sie in ihren historischen und aktuellen Kontexten verorten und auf Grundlage aktueller Forschungsergebnisse aus Philosophie, Psychologie, Neurowissenschaft und Medientechnologie vertiefen. Dabei wird auch untersucht, inwieweit sich das Verhältnis von Körper und Geist in einer zunehmend digital geprägten Welt neu definiert.

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